ALS GÄB‘ ES KEINEN MORGEN MEHR…
Spuren bleiben

Aus tiefem Schlaf erwacht und taumelnd ins Bad gefunden, der Blick in den Spiegel: verbrannte Stirn. Vom gestrigen Schauen an der fliegenden Schaufel vorbei. In die Feuerkiste. Immer wieder. Stundenlang auf und an der Dampflok: Spuren bleiben.

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So ist das eben, manuelles Fokussieren braucht seinen Blick. Immerhin, dieses anachronistische Tun passt zur tobenden Maschine nur Stunden zuvor:

Da! Frei ist die Sicht auf den glühenden Schirm! Fünf Ladungen fliegen nach vorne auf’s Rost, zwei links und rechts hinten in die Ecken…„Guaaat!“ Wammm! knallt die Feuertür. Das Manometer auf Fünfzehn-Sieben. Steigt! Aber kurz nur, vielleicht eine halbe Minute…

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Geht nach liiinks…! Sofort rauscht die Schaufel in die Kohlen, erneut poltert die Feuertür, der Schweiß rinnt…jetzt sind es drei an die Seitenwände und zwei in die Mitte… „Guaaat!“ Und dann klettert er wieder, der Zeiger, hinauf zur alles entscheidenden Marke.

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Nördlingen – Bodensee, hin im Nebel, das war die eine Nummer. Doch nun geht es retour: Bodensee – Nördlingen, hinein in den dunklen Abend, eine Steigung nach der anderen, zig Kilometer stramm bergauf! Kochender Kessel, züngelnde Flammen, infernalischer Lärm! Maschine und Mensch pulsieren im gleichen Takt; brodelndes Inferno, kein Zaudern, kein Halten: Der Tacho bei 90. Fester Griff am Regler ganz vorn.

03_Hendrik Bloem_Als gäb es keinen Morgen_03-2017Auf diesem Vulkan nur die Nerven behalten, die längst rußige Hand an der Optik schärft nach. ISO 80, wildes Stoßen und Schütteln, die Belichtung am grenznahen Wert: Was eben noch reicht ist im nächsten Moment desolat. Denn jetzt! Wamm! bekämpft das Dunkel schon wieder die gleißende Glut! Manuelles Nachregeln, in allen Bereichen. Keine Automatik will das, kann das… Unmögliche Bedingungen. Es trotzdem zu tun! In rußgeschwängerter Luft zwischen Kessel und Tender, im Fahrtwind, wenn es mehr Rotz als Wasser kotzt… denn dafür ist es gut, das manuelle Handwerkszeug, so bleibt das Gefühl für den anderen Blick.

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Da! Der wild schlagende Zeiger des Pyrometers überrennt die 400 Grad! Mehr als Dreiviertel im Wasserglas und nicht nur ein wachsamer Blick geht nach oben: Ein knapper Ruf übertönt das Inferno: „Fünfzehn – Oacht! Stoaigt…!“

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Die Maschine brüllt ihre Kraft in die Nacht. Fährt sie uns? Fahren wir sie? 15bar im Schieberkasten lassen keinen Raum für solche Fragen. Die Feuertür knallt erneut und der Wahnsinn hat einen Namen: 41 1150! Rekokessel! Ein entfesselter Sturm! Und es ist, als gäb‘ es keinen Morgen mehr…

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Und dort oben? Die Nördlinger. Ein Team, das von sich selbst bescheiden nur als „Wir fünf“ spricht. Eine Frau, drei Männer und Elli, ihre Lok. Für die man nach jeder anständigen Fahrt eine Räucherkerze entzündet. Und deren Aschestumpf dann über der Feuertür stehen bleibt – auf jeden Fall bis zur nächsten Fahrt: Spuren bleiben.

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Der Morgen danach. Ich finde in die Küche. Dort, auf dem Tisch, mein Arbeitsgerät… Grau wie eine Katze, verrußt sieht es aus; wird eine Überholung brauchen. Wie jedes Mal. Objektiv, Gehäuse…der Bildstabilisator wird schwächeln. Das kennt man schon. Extrembedingung eben. Dampflok eben.

Spuren bleiben.

 

 

 

Hendrik Bloem | Nördlingen – Lindau und zurück, Februar 2017 | mit Dank an das Bayerische Eisenbahnmuseum, Andreas Braun, Patrick Zeitlmann und den übrigen Fahrensfrauen und -männern sowie der VGBahn/Eisenbahn-Romantik, durch deren Unterstüzung zeitgleich ein ganz anderes schönes Projekt entstand: „Frauensache„.

 

25 thoughts on “

  1. Hallo Hendrik, sehr schöne, eindrucksvolle und dynamische Bilder! Vielen Dank wieder. Beste Grüße aus Berlin

  2. Hallo Hendrik,

    es hat sehr viel Freude gemacht zu lesen, wie du das gemeinsam Erlebte in Text und Bild umgesetzt hast.

    Auch wenn meine Schreibweise nicht ganz passt, möchte ich an den Vorredner anknüpfen – Willkommen in der wunderbaren Welt der (Am)Elli.

    Beste Grüße aus Nördlingen

    Patrick

  3. Text und Bilder sind eine perfekte Einheit, es macht einfach Spass dies immer wieder anzuschauen und zu fühlen

  4. Hallo Hendrik,
    sehr schöne Bilder einfach Klasse.

    Liebe Grüße aus dem sonnigen Münster dir und auch an Vera. Hoffentlich bis bald bei Westfalendampf.

  5. Danke, Hendrik! Qualtät hat einen Namen. Auch die Bandbreite deiner Schreibstile gehört dazu. Neulich las ich in Hagen von Ortloffs Eisenbahn Romantik deinen Bericht über Roncalli. Ganz anders, sehr ruhig, sehr tiefgehend und ebenfalls ein literarischer Genuß!

  6. Auch ich, lieber Hendrik, schließe mich dem Lob und der Bewunderung für eine wunderbare bildliche und sprachliche Produktion an!

  7. Hallo Hendrik, einfach wunderbar, wie Du die entscheidenden Momente einfängst. Du hast den begnadeten Blick, den ein Eisenbahnfotograf benötigt. Ich bin sehr aktiv bei der IG 3 Seenbahn und erinnere mich noch sehr gut an Deinen Besuch nebst Bildern. Mach weiter so und besuche uns mal wieder.
    Liebe Schwellen-Grüße
    Johannes

  8. Hallo Hendrik,

    wie von dir nicht anders gewohnt…atemberaubend, fesselnd und faszinierend zugleich. So als ob man selber dabei gewesen ist… Illustriert mit Bildern die jedes Kommentares erhaben sind, einfach nur geniessen…..fantastisch und danke fürs Teilhaben lassen.

    Gruss
    Michael

  9. Hallo Hendrik,
    wieder ein ganz toller Bericht der mich mitgenommen hat!
    Eindrucksvoll und mit viel Wärme erzählt, ohne viel technischen Kram.
    Meisterhaft!
    Ich zieh den Hut vor deinen Fotos!
    Deine „Foto“-Sprache ist einmalig, da kann ich nur von lernen.

    Viele Grüße
    Günter

  10. Hendrik,

    die Menschen heute mitnehmen und begeistern, das kannst du.

    Egal wieviel Alltag früher war, auf´s Heute kommt es doch an.
    Wenn ich an die ungünstigen Bedingungen denke, unter denen die präzisen Gemälde entstehen, ziehe ich den Hut vor dir.
    Danke an alle, die dich unterstützen. Du bist wie eine gute Waffe 🙂

    Ich wünsche dir alles Gute weiterhin, Hans – Dieter

  11. Dampflok von draußen ist heftig beeindruckend, Dampflok von drinnen auch, aber anders. Und für den, der darauf schafft, kann es zur alle Fasern der Seele ergreifenden Hassliebe werden. Bei dem einen mehr Hass, bei dem anderen mehr Liebe. Ich fühle mich tiefgründig angesprochen.

    Fritz

  12. Guten Morgen Hendrik! Eine interessante Geschichte und noch beeindruckendere Aufnahmen. Für mich sind es diesmal die “ Feuerbilder „. Ich habe schon viele Tonnen aus dem Tender geholt, aber so klar und scharf noch kein Stück iin der Lohe verschwinden sehen. Wirklich große Klasse! Weiter so! Herzlichst Helmut

  13. Hallo Hendrik,

    besser kann man das gemeinsame Wirken von Mensch und Maschine auf dem Führerstand einer Dampflok nicht beschreiben – auf jeden Fall nicht besser in Bildern festhalten! Klasse gemacht, mein Kompliment:
    Am allermeisten gefällt mir das letzte Bild.. ( zumal ich die beiden am letzten Sams auch kennen gelernt habe.. 🙂 )

    Die Erlebnisse auf dem Führerstand und solche Bilder-Geschichten wie die Deine machen richtig Lust darauf, wieder öfters auf (und an) dem Dampfross Dienst zu machen..

    Mit freundlichen Grüßen

    Uwe

  14. Hallo Hendrik Bloem,
    meine drei bis vier Nostalgiezugfahrten pro Jahr sind mit Ihren Bildern und Texten erst komplett geworden. Es stimmt also, Ihre Spuren bleiben, auch in den Gazetten, in denen ich Ihren Namen regelmäßig lese. Ihre Bilder und Reportagen schaffen Vertrauen. Das ist heutzutage sehr viel!
    Andreas de Leve

  15. Lieber Hendrik,
    da geht einem doch wieder ein Herz auf. Und es bleibt das Wissen, dass es niemand nachvollziehen kann, der nicht selbst in voller Fahrt Selbiges erlebt hat.
    Ein Privileg.

    Gruß Marco

  16. Danke für diese stimmige Beschreibung dessen, was die Männer und Frauen auf der Lok dort erleben!
    Ich kann deine Worte nur zu gut nachfühlen…. hätte sie aber so nicht aufschreiben können!
    Danke – Gerald

  17. Eine großartige Beschreibung vom Wirken in der kleinen Hütte zwischen Kohlen und Feuer. Spuren bleiben, vor Allem im Kopf . Mein Ehrenlokführer Dienst bei der HSB hat sich auch in einer Hirnwindung fest gesetzt. Die Spur einer Lebenserfahrung, die mich mit Zufriedenheit erfüllt. Vielen Dank für diesen Lesegenuss und beste Grüße. Michael —

  18. Hi Hendrik,

    was soll so großen Worten folgen?
    Was soll so tollen Bildern folgen?
    Eine Steigerung?
    Bei dir?
    Nur durch dich selber möglich!

    Ich wünsche allen Personalen und Fans noch tausende von Kilometern, sei es beim schweißtreibenden Job auf der Lok oder beim lauschen, sehen und riechen im Zug. Bei der gemeinsamen Berufung Dampflok!

  19. Lieber Hendrik,

    starke Geschichte, man liest und riecht dabei den Rauch, spürt die Hitze und leidet mit deiner Kamera. Bleib dabei und bringe diese Geschichten raus in die Welt, die noch keine Dampflok kennt. 🙂

    Vielen Dank für die immer wieder schönen Berichte
    Fabian

  20. „Spuren bleiben“ – stimmt 100%ig. Nicht nur die sichtbaren.
    Tolle Bilder und spannend beschrieben. Danke fürs Teilhaben und viele Grüße vom Kleinen Vampir.

  21. Hallo Hendrik,
    wieder mal eine Geschichte, die unter die Haut geht. Ganz anders als sonst gibst du uns auch Einblicke in deine eigene Arbeit. Höchst interessant und gut nachzufühlen. Da zeigt es sich, dass eben nicht jeder, der nah dran gelassen wird auch gute Bilder macht.
    Dir und deiner Familie einen schönen Abend
    Andreas und Ute

  22. Mensch Hendrik!

    Es hört nie auf mit Dir. Wieder so ein Bericht, bei dem einem der Atem stockt.
    Für deine Bilder fehlen mir sowieso die Superlative :=)
    Ganz toll!
    Das BEM habe ich letzten Sommer besucht. Unglaublich, wie viele Loks die unter Dampf haben.
    Herzlichen Dank fürs Teilhaben,
    Jens

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